Die Kultur der Debatte

Was folgt, wenn die AfD einen Antrag zur Kulturförderung stellt, den vorher noch Vertreter anderer Parteien unterstützenswert fanden? Na was schon: Eine Farce!

Das Land Sachsen ist eines der bedeutendsten Kulturräume Deutschlands. Dies gilt neben vielen anderen Bereichen besonders für die Musik. Namen von Bach, Mendelssohn, Schumann, Wagner, Mahler, Lortzing und Grieg sind nur die Spitze des Eisberges. Das älteste deutsche Opernorchester wird in der Dresdener Semperoper beherbergt, in Leipzig existiert das älteste bürgerliche Konzertorchester, der Thomanerchor kann auf eine 800-jährige Geschichte zurückblicken, in Dresden wirkt der Kreuzchor. Es ist einmalig, dass in einem Bundesland zwei der zehn weltweiten Spitzenorchester von zwei der namhaftesten Dirigenten dieser Zeit geleitet werden.

Diese Tradition bestand auch darin, dass es über Jahrzehnte fast allen Bürgern Sachsens möglich war, sächsische Spitzenmusiker in Ihren Städten und Gemeinden erleben zu können. Die "Stunde der Musik" war ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens einer jeden Stadt oder Gemeinde. Sie war ein flächendeckendes Konzertprogramm vor allem in den Gegenden, wo es vielen Menschen kaum möglich ist, die kulturelle Vielfalt der großen Städte erleben zu können. Musik dorthin zu bringen ist zugleich die Aufgabe der Politik und der Künstler, um mit einem in die Zukunft gerichteten Blick eine Nachhaltigkeit zur Wahrung der uns so wichtigen Werte zu formen.

Was gab es Besseres, als einmal im Monat die Dinge live erleben und hören zu können, die man sonst nur aus Funk, Fernsehen und von der Schallplatte /CD kannte?

Der Wegzug vieler junger Leute in die Städte, die massive Kürzung von Mitteln für Kultur, das Abebben und Aussterben von Gewachsenem und die räumliche Entfernung zu den grossen Städten führt mittlerweile allerdings zu einer Entlebung der mittleren und kleineren Städte Sachsens. Daher erscheint es eigentlich sehr sinnvoll, sich an eine bereits bestandene Tradition zu erinnern. Für das weltweit gefeierte Leipziger Streichquartett lag es auf der Hand, den 25. Geburtstag zum Anlass zu nehmen, eine landesweite Konzertreihe zu initiieren und Gleichgesinnte für die Idee zu gewinnen.

Ausgehend von zunächst 30 - 40 verschiedenen Spielstätten in ganz Sachsen würde sich bei einer Bespielung von mind. 2 Konzerten pro Jahr eine Anzahl von 60 - 80 Konzerten ergeben, welche es zu konzipieren, organisieren und durchzuführen gilt.

Alle Konzerte sollten vor allem mit sächsischen Musikern, Wettbewerbspreisträgern aus Sachsen, in diesem Bundesland arbeitenden Weltklasse-Künstlern, Mitgliedern der beiden Spitzenorchester und internationalen Gästen bestritten werden, von Menschen also, die irgendwie einen Bezug zu diesem Bundesland haben. Und ihren Gästen natürlich! Bisher wurden auf eigene Kosten und mit Mitteln von Sponsoren mehrere Konzerte veranstaltet. Das Interesse war überwältigend.

Im Umkreis von Leipzig findet seit nunmehr 10 Jahren die Konzertreihe „Sommertöne“ - auch in Kooperation mit dem Leipziger Bachfest - mit jährlich 10 Konzerten nach genau diesem Modell statt. Die Sächsische Schlösser und Burgen Gmbh, private Schlossbesitzer, Gemeinden und Vereine sollten genauso eingebunden werden wie der Deutsche Musikrat. Mit ihm können die Mittel über die Förderung der „Konzerte junger Künstler“ erheblich erhöht werden und ein Kreis junger Interpreten in den Spielorten vorgestellt werden.

Von Anfang an standen der ehem. Kulturbeigeordnete, Dr. Girardet (FDP), der ehem. Ministerpräsident, Prof. Biedenkopf (CDU), der Justizminister, Herr Gemkow (CDU) und andere helfend zur Seite. Positiv begleitet wurde die Idee bisher auch von Frau Staatsministerin  Dr. Stange (SPD), ihrem Staatssekretär, Herrn Gaul und vielen anderen.

Das „know how“ und die Vernetzung des Leipziger Streichquartetts und die vorhandenen Kooperationen mit Veranstaltern und Agenturen vor Ort sollten der Garant für die effektive Mittelverwendung werden. Über jede professionelle Konzertagentur wäre der Bedarf ca. 2-3 Mal höher.

Aus diesen Überlegungen resultierte für die Planer damit ein sehr überschaubarer finanzieller Bedarf pro Jahr – für die Menge an Konzerten eigentlich ein Schnäppchen.

Nachdem sich in vier Jahren außer überaus warmen Worten der politischen Begleitmusik wenig getan hatte, stellte sich die Frage der Strategie der Weiterarbeit. Weniger als Stillstand war kaum zu erwarten, ich stellte den Kontakt zu Frau Dr. Petry her und fragte an, ob die AfD sich an dieser Stelle nicht engagieren wollte. Sie sagte zu und das Projekt der vorher parteiübergreifend großen Zustimmung kam gestern in die Haushaltsdebatte des Parlamentes in Dresden.

Nun hatte ich natürlich mit gewisser Unruhe gerechnet, sind doch von allen oben zitierten Politikern die zustimmenden Elogen schriftlich überliefert. Wie würde es also aussehen, wenn das richtige Projekt von der falschen Partei in die Diskussion gebracht werden würde? Nun, der Tag der Debatte hat mir einen besonderen Eindruck hinterlassen. Sicherlich kann man sich an parlamentarisches Geschehen gewöhnen, ein Vorurteil in Richtung Politik trägt vielleicht  jeder Bürger und Beobachter in sich. Aber was ich erleben durfte, hat eine tiefe Veränderung in mir bewirkt.

Der Antragstext hat sich seit 2013 nicht geändert, der Inhalt nicht, die beteiligten Ensembles und Künstler nicht. Selbst die Unterstützer sind im Wesentlichen die gleichen Personen in den gleichen Funktionen – damals und heute. Aber getreu dem Satz „Die Erde ist eine Scheibe wenn die AfD sagt dass sie rund ist“ hat nun im  Plenum unter TOP 7 eine Farce stattgefunden, deren Sie sich alle beteiligten Parteien, CDU, Die Linke, Grüne und SPD eigentlich schämen sollten. Keine Lüge, keine Absurdität, keine Verleugnung eigener Überzeugungen und keine Beschönigung wirklicher Unzulänglichkeiten der aktuellen Landespolitik war ihnen zu schmutzig, um sie im Brustton der eingebildeten moralischen Überlegenheit unter die – meist unwissenden – Genossen zu bringen. Da wurde von der angeblich fehlenden Kunstfreiheit nach § 5 über „Sachsentümelei“, Fremdenfeindlichkeit, gelenkte Staats-Kultur und anderem Unsinn jede Dummheit bemüht, die eine Umbiegung vorhandener Intentionen nur zugelassen hat. Es war eine Beleidigung jeder Intelligenz und eine einzige Verhöhnung demokratischer Willensbildung.

Die eifrigen Widersacher einer GagroKo, einer ganz große Koalition, warfen drittklassige Orchester mit dem gemeinnützigen Ansinnen von Weltstars des Gesanges wie Matthias Görne und Rene Pape in einen Topf.  Sie taten so, als gäbe es ein Konzept, welches Liederabende, die sonst um die 20.000€ kosten würden, auf andere Weise zu den Musikliebhabern im ländlichen Raum bringen könnte – für ein Zehntel der Kosten, Sie verglichen ein Schostakowitsch-Festival, gespielt von Musikern der Staatskapelle fast ohne Honorar, mit der Idee eines richtigen Festivals mit einem richtigen Budget. Sie verwechselten Masse mit Klasse und das dünnste Brett mit Anspruch von wirklicher Internationalität.  Sie meinten Weltoffenheit zu demonstrieren und offenbarten doch in jedem Satz die Unkenntnis von Provinzpolitikern.

Sie einte einzig - aus welchem Grunde auch immer – der Gedanke einer geistigen Masturbation, des kurzfristigen Triumphes über die AfD, gegen Frau Dr. Petry als Antragstellerin.

Ich habe niemals vorher so stark gezweifelt, nicht nur an der Besetzung politischer Positionen.  Ich zweifele seitdem an der Ehrbarkeit des politischen Amtes und komme zu der Überzeugung, dass es nicht allein der Diskurs ist, der hier weiter geführt werden sollte.

Es ist das System der gegenwärtigen Politik an sich, in seiner kaum verhohlenen Verlogenheit und Selbstbeschäftigung, welches kaum noch zu ertragen ist.

Die beteiligten Künstler werden in ihren Absichten verraten und missbraucht, nur um dem politischen Gegner zu verunglimpfen. War es den Beteiligten das wert?

Ich bin mir seit gestern jedoch sicher: so kann es nicht bleiben! Ein solches System haben wir 1989 zu Fall gebracht und der Blick in die hoffnungsvollen Augen unserer Kinder sollte uns den richtigen Weg weisen.

Die Sache der Konzerte ist eine Kleinigkeit, vielleicht oder sogar ganz sicher gibt es dringendere Fragen. Der Umgang miteinander, der Vierklang von Kultur, Sprache, Bildung und Identität ist allerdings ein zu kostbares Gut, um es auf dem Altar ideologischer Verblendung geopfert zu sehen. Die Kultur der Debatte ist keine Illusion, schon gar nicht derer, die sie allein für sich beanspruchen. Sie ist die Essenz unseres friedlichen Zusammenlebens.


  Über uns

„Wissen ist Macht“ und „Nichtwissen machts nichts“ - zwischen diesen beiden Zuständen scheint sich aktuelle Politik wohlzufühlen. War das immer so?

Wir finden: NEIN! Und es sollte auch nicht die ultima ratio sein. Kultur als zentrale Klammer der Debatten, Menschen mit Hintergrund jenseits des Politischen, neue Ansätze, ein Portfolio an Alternativen – all das finden Sie hier bei uns. Schauen Sie herein, seien Sie neugierig, bleiben Sie erwartungsvoll.

 

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