OLYMPIA contra Kultur ?

Jeder Leipziger - dies als Credo vorweg - wird eine Olympiade hier als große Chance sehen, für Region, Stadt und Menschen. Dass bis zu diesem Ziel viel Einsatz, ja auch Entbehrungen nötig sind, wird niemand ersthaft bestreiten. Doch worüber definiert sich eine Gesellschaft ? Was sind Atlanta und Montreal heute, Jahre nach Olympia? Was sind sie vor allem im Unterschied zu vorher?

Es mag gut sein und politisch helfen, für eine gewisse Zeit ein Nahziel zu haben, inklusive aller damit verbundenen Legitimationen, aber das wird den Ruf unserer Stadt, ihren herbeigesehnten Wandel zur Sportstadt ebenso wenig begründen oder verändern wie die Ansiedlung von zwei Automarken Leipzig in der Welt damit als Autostadt verbinden kann. Leipzig ist - und dieser Ruf ist einer mehrhundertjährigen Entwicklung gedankt - eine Kulturstadt, eine der ganz wenigen in Deutschland. Zu Zeiten als Geschichte noch eine größere Rolle spielte als nur in der Aufarbeitung deutschen Unrechts, war auch klarer, daß die Kultur unserer Nation ein Geschenk ist, eines um das uns die Welt verehrt und respektiert. Dies konnte auch die bornierteste Politik nicht vergessen machen. Aber was wir zu gern vergessen: diese Kultur ist nicht um uns wie Tag und Nacht oder die Jahreszeiten. Sie braucht Engagement, vom Bürger bis zum Macher, in den Verwaltungen und beim Rezipienten. Gerechterweise sollte sie für eine Gesellschaft wie die unsere, die ihre Position in der Welt auch heute noch zu wesentlichen Teilen ihrer kulturellen Identität verdankt, Pflichtaufgabe sein. Verbrechensprävention, Lebensweisheit, Sinn des Alltags, Wertevermittler, Ideal für kommende Generationen - all dies (und noch viel mehr!) kann nur Kultur leisten. Nun könnte die wiedergefundene Sportbegeisterung eine Facette der kulturellen Äußerungen sein, sich niveau- und respektvoll in die Balance einbringen. Das tut sie aber nicht.
Die Prioritätenverschiebungen die - offen oder unmerklich - in den letzten Monaten stattgefunden haben, stimmen mich nachdenklich. Viele Vorhaben rissen und reißen gewaltige Löcher in das Budget unserer Stadt, sind überdimensioniert wie im Falle von Messe und Flughafen, schlecht geplant wie beim Bildermuseum oder werden mit einer erschreckenden, an Dilettantismus genzenden Ignoranz von Realitäten - wie die letzten Monate der Olympiabewerbung - vorangetrieben. Wer auf internationalem Parkett mitspielen will, diese Erkenntnis haben die Leipziger Kulturträger Herrn Tiefensee und Co. voraus, muss seine Aktivitäten dort auch messen lassen. Dazu sind offensichtlich mehr Rücksichten, Können und Sachverstand gefragt, als Lächeln in Kameras glauben machen kann. Überhaupt scheint die Wahrnehmung abhanden gekommen zu sein: wenn wir als Musiker in der ganzen Welt auf unsere Heimatstadt angesprochen werden, dann auf ihre große kulturelle Tradition, die Namen von Bach und Mendelssohn, Thomaner, Gewandhaus, Oper. Diese Standortvorteile - dies sage ich in Kenntnis des bekannten Wortes von Bill Clinton: „it‘s the economy, stupid!“ - sind in Jahrhunderten gewachsen, wären zu nutzen, könnten entwickelt werden. Es versteht sich von selbst, dass damit mehr die Inhalte als die infrastrukturellen Hüllen gemeint sind. Letztere feiern sich mit der anstehenden Bildermuseumseröffnung wiederum - hoffentlich hat auch jemand daran gedacht, ein so großes Haus dann jährlich mit finanziellen Spielräumen auszustatten. Während andere Häuser wie das Amsterdamer Concertgebouw den Spiegel der musikalischen Welt verkörpern, Tourneebestandteil großer Orchester sind, ambitionierte Programme und Zyklen ins Leben rufen, damit wiederum Tausende Touristen anziehen, rotiert das Gewandhaus um sich selbst, ist als Spielstätte für hochrangige Gäste fast bedeutungslos. Es verliert in diesem Punkt selbst das Renommee aus Masurs- und DDR-Zeiten. Das Gohliser Schlößchen verabschiedet sich still aus dem Reigen der lebendigen Spielstätten. Die Leipziger Oper, einmal Inszenierungs-Vorbild für Bayreuth, wo steht sie heute? Weiß man in Leipzig, dass Richard Wagner ein Sohn unserer Stadt ist? Eine lebendige Auseinandersetzung mit diesen Potenzen gibt es schlicht nicht. Dem Intendanten werden die Hände gebunden. Stattdessen findet man eine beratungsresistente Selbstverliebtheit, der man anmerkt, dass die Mühsal der sachlichen Durchdringung eines Problems nur zu gern mit Eloquenz überspielt werden will.
Auch Zustände in Schulen und Kindergärten machen Angst. Einsparungen dort müssen mit einem vielfachen Einsatz später korrigiert werden. Dreitausend Kinder und Eltern, die darauf aufmerksam machen wollten, wurden im Rathaus nicht empfangen. Vielleicht, weil Kinder kein Wahlrecht haben?
Das Schulverwaltungsamt kürzt drastisch alle Gelder für schulische Arbeitsgemeinschaften - wahrscheinlich ist das Geld in der Restauration von Straßenschildern und Wartehäuschen besser angelegt. Auf der anderen Seite positioniert sich Leipzig als Ausrichter von Sportwettkämfen scheinbar ohne Ansehen von Sinn und Kosten. Sportvereine werden - egal ob wettbewerbsfähig - von Sparmaßnahmen ausgenommen, Kulturvereine dürfen für den Sport mitsparen. Dass Leipziger Künstler hingegen die olympischen Ambitionen multipizieren könnten, kann oder will Tiefensee nicht sehen.
Sponsoren und Förderer, teiweise jahrelang in der Kulturszene als Unterstützer engagiert, werden mit einer nie gekannten Vehemenz für die neue Windrichtung umworben. Wie danach gewachsene und gern präsentierte Veranstaltungen, vom Bachfest bis zum Deutschen Bücherpreis, Euroszene, Jazztage ohne diese oder mit reduzierter Zuwendung weitermachen sollen, bleibt im Verschwommenen der kurzen Sicht.
Ohne die Frage aus Gründen der Polemik verkürzen zu wollen, ohne die Notwendigkeit der Veränderung in Frage zu stellen, würde es mich interessieren, wieviel wir bereit sind, aufzugeben. Vom zukünftigen Gewandhaus- und Opernchef Chailly über die zuständigen Verwaltungen bis zu den Bürgern und Besuchern wird sich jeder darauf eine Antwort geben müssen, natürlich nach Bildungsstand und Grad des Überblicks wie wegen des unterschiedlich stark schmerzenden Verlustes verschieden. Gäbe es nicht dazu eine Alternative!(?)

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„Wissen ist Macht“ und „Nichtwissen machts nichts“ - zwischen diesen beiden Zuständen scheint sich aktuelle Politik wohlzufühlen. War das immer so?

Wir finden: NEIN! Und es sollte auch nicht die ultima ratio sein. Kultur als zentrale Klammer der Debatten, Menschen mit Hintergrund jenseits des Politischen, neue Ansätze, ein Portfolio an Alternativen – all das finden Sie hier bei uns. Schauen Sie herein, seien Sie neugierig, bleiben Sie erwartungsvoll.

 

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