Siegfried-Idyll ?

Eindrücke einer Konzertreise des LSQ

Das elfte Mal reisen wir nun schon quartettierend durch die USA und erst jetzt finde ich Zeit, einer Probe in der Boston Symphony Hall zu lauschen: Wagners „Siegfried-Idyll“. Die Musik des gebürtigen Leipzigers in jenem, vom zweiten Gewandhaus inspirierten Saal, ist so fern der täglichen Nachrichten, verliebt und einnehmend für den Charme des alten Europa.  Der ist  hier in der neuen Welt überall und so ahnt man trotz innerer Aufgebrachtheit, daß die Ausgewogenheit der Berichterstattung im Vordergrund stehen muß - will man nicht Unrecht denken.

Amerika ist immer noch -  in den gebildeten Kreisen - fest in der kulturellen Hand der Erinnerungen an das Leben auf dem alten Kontinent. Auch wenn von vielen Seiten alle Versuche unternommen werden, daß das sich ändert, öffentliche Meinung patriotisch gleichgeschaltet wird, der Zweifler schon suspekt ist. Die Menschen die in großer Zahl in unsere Konzerte kommen sind aufgeschlossen und freundlich, man redet danach über Deutschland, Musik und das Wetter. Sorgsam werden politische Überzeugungen ausgespart oder als Gesprächseröffnung: „Wir sind auch gegen Krieg!“ geklärt. Einen Kriegsbefürworter haben wir bisher nicht kennengelernt. Dabei gehört viel Eigensinn dazu, dem überall gegenwärtigen, an Dummheit und Verlogenheit nicht zu überbietenden Fernsehkommentaren zu entkommen. Alle News-Sender berichten 24 Stunden am Stück mit Live-Bildern aus Schützengräben, Interviews mit Familienangehörigen Gefangener und Gefallener Amerikaner - nicht ohne zu versichern, man wolle dieses Leid respektvoll behandeln. Kämpfende Iraker kommen kaum anders denn als „Bande“, „Kriegsverbrecher“ und „Terroristen“ dabei in den Blick. Fragen europäischer Reporter zum Thema verschollener Massenvernichtungswaffen werden rüde abgebürstet, es gibt öffentliche Diskussionen, ob deutsche Firmen noch die Farbe für den Anstrich des Pentagon liefern dürfen oder ob nicht alle auf französischem Boden vorhandenen amerikanischen Kriegsgräber des 2. Weltkrieges exhumiert und ins Heimatland überführt werden sollten. Ganz Patriotische bezeichnen Frankreichs Präsident Chirac gar als „den wahren Hitler unserer Tage“. Getreu dem peinlichen TV-Motto: „Sie haben die Fragen, wir die Antworten“
Wenn dies alles Amerika repräsentieren würde, wäre das der Untergang des Abendlandes. Aber das ist eben nur eine Seite. Andererseits stehen vor Regierungsgebäuden (meist ältere) Leute mit Friedens - Transparenten, finden Unterschriftensammlungen statt, hat die Zahl der beflaggten Autos, Häuser und Mützen gegenüber letztem Jahr merklich abgenommen. Bissig kommentieren Zeitungen die Empfehlungen der Zivilverteidigung, Plastikplanen und Klebeband zur Sicherung des Eigenheimes zu horten, ganze Kolumnen leben von den  der „Achse des Blöden“ zugehörigen Statements des Mr. Bush: „Ich habe den Eindruck, daß die Unruhen im Nahen Osten Unruhen für die ganze Region mit sich bringen“  Und so hoffen wir mit den Vielen, daß das Gegenwärtige den Stellenwert von Kunst und Bildung als Essenz des Gemeinsamen stärken möge. Ist das überzogen? Ein tragischer Held dieser Siegfried in der Idylle der Flucht aus unserer Zeit.

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„Wissen ist Macht“ und „Nichtwissen machts nichts“ - zwischen diesen beiden Zuständen scheint sich aktuelle Politik wohlzufühlen. War das immer so?

Wir finden: NEIN! Und es sollte auch nicht die ultima ratio sein. Kultur als zentrale Klammer der Debatten, Menschen mit Hintergrund jenseits des Politischen, neue Ansätze, ein Portfolio an Alternativen – all das finden Sie hier bei uns. Schauen Sie herein, seien Sie neugierig, bleiben Sie erwartungsvoll.

 

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